Mittwoch, 11. Dezember 2013

 Mut zur Lücke?


Seit Menschengedenken gibt es bestimmte Schönheitsideale. Im Laufe der letzten Jahrhunderte veränderte sich dieses Bild ständig. So, wie es sonst nur die Launen von manisch depressiven Menschen oder Frauen mit PMS tun. In der europäischen Frühgeschichte soll es Fettleibigkeit gewesen sein, nach der gestrebt wurde und die mitunter als Zeichen der Fruchtbarkeit galt. Im Mittelalter hatte man im Optimalfall hellblonde, gelockte Haare, blaue Augen, eine weiße Schneewittchenhaut und einen möglichst hohen Haaransatz, bei dem sogar häufig mit Pinzette nachgeholfen wurde. Aua. In den 1950er Jahren durften Frauen Kurven haben und ihre Weiblichkeit in Szene setzen. Dann kamen Audrey Hepburn und Twiggy und der zierliche, beinahe androgyn wirkende Frauentyp galt für viele Frauen als optisches Vorbild. Durch die Trendwelle der Supermodels der 90er Jahre wie Claudia Schiffer, Linda Evangelista, Naomi Campbell und Kate Moss kam man letztlich wieder auf das extrem schlanke Mädchen zurück. Nur leider vergessen viele junge Frauen, dass ihr Körper nicht ihr Kapital ist und es für sie absolut gar keinen Sinn macht zu hungern oder so exzessiv Sport zu treiben, dass es schon nicht mehr gesund ist. Zu viel ist nie gut. Egal wovon. Aber heutzutage werden wir so extrem von allerlei Medien beeinflusst, dass wir manchmal total verwirrt sind und anfangen uns mit Models zu vergleichen, die uns von sämtlichen Plakaten oder aus dem Fernseher anlächeln. Als die digitale Medienwelt noch in den Kinderschuhen steckte, verglich man sich vielleicht mal mit der hübschen Nachbarstochter, aber eben nicht mit einem Berufsmodel, das sowohl genug Geld hat sich einen Personaltrainer als auch sämtliche kosmetische Behandlungen zu leisten. Irgendwas ist da doch nicht richtig. 

Letzter Satz schoss mir auch in den Sinn, als ich das erste Mal vom Phänomen der Thigh Gap hörte. Jene bezeichnet die Lücke zwischen den Oberschenkeln, die Models und andere schlanke Mädchen häufig besitzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch gesunde Mädchen gibt, deren Schenkel im Sommer nicht aneinander reiben und scheuern bis Blut fließt. Ich unterstelle beim besten Willen nicht jedem schlanken Mädchen, das von Natur aus diese Thigh Gap besitzt, eine Essstörung, aber ich kritisiere den Hype, der darum gemacht wird. Dieser treibt nämlich Mädels ohne Oberschenkellücke (oder "Fotzengraben", wie ich letztens hörte) in einen Wahn, der teilweise nicht mehr vertretbar ist. Tatsächlich vergleichbar mit der Pro-Anna-Bewegung. Auf Tumblrs wie diesem hier wird jeden Tag eine ganze Armada an Bildern von Thigh Gaps gepostet und fleißig geherzt und gerebloggt und wasweißichalles. Auf den Bildern, die folgen, wenn ich mich ausgekotzt habe (wie passend), sieht man gut gekleidete, hippe Mädchen, die ihre Thigh Gap mit Stolz in die Kamera halten. Auch verrückt, dass man etwas in den Fokus stellen kann, das eigentlich gar nicht da ist. Ich muss gestehen, dass ich Bilder rausgesucht habe, die wirklich noch ästhetisch aussehen. Es ist nicht so, dass dieses Phänomen in mir nur Entsetzen oder gar Ekel auslöst. Eben darum nicht, weil es auch normalgewichtige Mädels gibt, die so aussehen können. Aber wenn ihr euch auf dem besagten Tumblr mal etwas durchscrollt, werdet ihr schnell feststellen, was an diesem Trend so bedenklich ist. Die Mädchen hungern sich runter und propagieren das Ganze, indem sie auf Bildern ihrer Thigh Gaps Dinge schreiben wie "I wish my thighs didn't touch", "Be strong and get skinny" oder "Feet together, thighs apart". Zu allem Überfluss hat irgendein krankes Hirn der Thigh Gap von Miss Omnipräsent Cara Delevingne auch noch einen eigenen Twitter-Account gewidmet und Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit empirischen Tipps à la "Beine nicht übereinanderschlagen!", um Wasseransammlungen zu vermeiden, findet man auch zur Genüge. 

Wenn man echt die Zeit hat, sich so sehr um seine Oberschenkellücke zu sorgen und diese zum Lebensmittelpunkt mutieren zu lassen, hat man entweder ein psychisches Problem oder sonst keine Probleme. Letzteres wäre wünschenswert, ist jedoch unrealistisch. Zumindest in einer Gesellschaft wie der unseren, in der sich immer alles um Aussehen, Geld, Macht und Sex dreht.





Kommentare:

  1. bestörte menschen sie sowas nacheifern.
    gott sei dank hab ich dank studium bei weitem andere probleme und vor allem bin ich dann doch zu intelligent um so etwas nachzueifern. bin sehr glücklich ohne lücke zwischen den oberschenkeln und mein freund meinte letztens das er sowas ekliges im internet gesehen hat wo sich kleine tussis runterhungern um ne spalte zwwischen den oberschenkeln zu haben. und er fand das sieht ekelhaft aus! ich kann nur zustimmen

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  2. Ich muss gestehen, ich wusste überhaupt nicht, dass diese Lücke überhaupt einen Namen hat. Das sich Leute Gedanken über sowas machen, kann ich nicht verstehen. Die Bilder sind teilweise echt erschreckend und sehen nicht mehr gesund aus. Ich bin bin wirklich der Meinung, dass man auf sein Gewicht, seinen Körper und seine Ernährung achten sollte und wenn jemand gerne schlank(er) sein möchte, ist das auch völlig ok, solang sich das Ganze in einem gesunden Rahmen abspielt. Aber das man seinen Körper so in den Vordergrund stellen muss und krankhaft irgendwelchen Idealen nacheifert geht mir nicht in den Kopf. Wie oberflächlich kann man denn sein? Es gibt soviel Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann und die interessant sind. Für nicht gehört nicht dazu, ob ich eine Lücke zwischen den Oberschenkeln hab oder nicht...

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  3. wunderbarer Text!

    und jetzt mal ehrlich wer findet ein mädchen auf fuckyeahthighgap das erotisch oder hübsch wirkt
    der erste gedanke ist immer "oh! dünn" ob das so erstrebenswert ist?!

    lieber ein kleines bäuchlein als Knochen

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  4. V.a. ist 'ne Tigh Gap nur abhängig von der Kochenstellung. Ich bin weder abgemagert, noch 'n Model, ich pass bei H&M meistens nicht mal in die 38 rein, aber ich hab so'n Ding. Wuhu, durch meine Knochenstellung hab ich manchmal richtig krasse Schmerzen in der Hüfte. Da hätt ich lieber "aneinander reibende" Schenkel, als den Müll mit den Schmerzen -.- Mir unebgreiflich, wie man danach streben kann.

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  5. Danke Lari, dass du nicht gleich mit 'OMG alle Mädels, die einen Thigh Gap haben, sind ekelhafte, magersüchtige Skelette, die kein Mann ficken würde!' ankommst. Diesem Trend nachzueifern und sich extra dafür runterzuhungern ist definitiv bekloppt und unnötig, aber es ist auch mal gut zu lesen, wie jemand relativiert und nicht alle, die sowas nun mal doch besitzen, an den Pranger stellt.
    Von der toleranten Haltung könnten sich hier einige grenzbeschränkte Kommentatoren mal eine Scheibe abschneiden. Immer dieses dämliche 'Füllig gegen Dünn' aufwiegen und eins von beiden zugunsten des Anderen runtermachen. Solche Mädels sind leider echt einfach saudumm.

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  6. bin gerade über deinen Blog gestolpert, finde es sehr interessant und gut, was du über dieses Thema schreibst. thingspo und fitspo blogs überfluten momentan das Internet, zum einen ist die Absicht, etwas Gutes für den eigenen Körper zu tun ja zu begrüssen, aber der Grat zwischen gesund und krank ist da einfach so schmal...

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  7. THE FACT THAT “LOVE YOUR BODY” RHETORIC SHIFTS THE RESPONSIBILITY FOR BODY ACCEPTANCE OVER TO THE INDIVIDUAL, AND AWAY FROM COMMUNITIES, INSTITUTIONS, AND POWER, IS ALSO PROBLEMATIC. INDIVIDUALS WHO DO NOT LOVE THEIR BODIES, WHO FIND THEIR BODIES DIFFICULT TO LOVE, ARE SEEN AS BEING PART OF THE PROBLEM. THE UNDERLYING ASSUMPTION IS THAT IF WE ALL LOVED OUR BODIES JUST AS THEY ARE, OUR FAT-SHAMING, BEAUTY-POLICING CULTURE WOULD BE DIFFERENT. IF WE DON’T LOVE OUR BODIES, WE ARE, IN EFFECT, PERPETUATING NORMATIVE (READ: IMPOSSIBLE) BEAUTY STANDARDS. IF WE DON’T LOVE OUR INDIVIDUAL BODIES, WE ARE AT FAULT FOR COLLECTIVELY CONTINUING THE OPPRESSIVE AND MISOGYNISTIC CULTURE. IF YOU DON’T LOVE YOUR BODY, YOU’RE NOT TRYING HARD ENOUGH TO LOVE IT. IN THIS FRAMEWORK, YOUR BODY IS STILL THE PARAMOUNT FOCUS, AND ONE WAY OR ANOTHER, YOU’RE FAILING. IT’S TOO CLOSE TO THE USUAL BODY-SHAMING, SELF-POLICING CRAP, ALBEIT WITH A FEW QUASI-FEMINIST TWISTS, FOR COMFORT.
    ~ Look at the Medusa Straight On.: “On ‘Loving Your Body’”

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